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am 27. November 2020

Wie wollen sie leben - Was möchten sie tun

Irmgard Seidler - Ein Bericht der Taskforce Pflege

Gesundheitsminister Rudi Anschober beauftragte am 20. Oktober 2020 die Fachtagung „Task Force Pflege“, zu der unter anderem Professor Dr. Wolfgang Hinte - er ist deutscher Sozialarbeitswissenschaftler - als Hauptreferent eingeladen war. Er stellte in seiner Keynote „Im Alter leben wie ich es will“ das Fachkonzept der Sozialraumorientierung vor. Hier seien einige Inputs angeführt, was dieses Konzept beinhaltet, und wie es in der Pflege Anwendung findet. 

Sozialraumorientierung
Die Sozialraumorientierung ist ein Konzept der sozialen Arbeit, welches die Lebensbedingungen für Menschen in einem bestimmten Raum verbessern soll. Seit den 2000er-Jahren gewinnt sie an Bedeutung im Bereich der Altenpolitik und Altenarbeit. Der Sozialraum stellt den Willen des Menschen in den Mittelpunkt. Ziel ist es zu erfragen, was die Menschen wollen, und nicht was sie brauchen. Man geht weg von der Bedürftigkeit der Menschen hin zum Willen. Die Sozialraumorientierung setzt dabei auf Selbstständigkeit der Menschen, welche mit sozialstaatlicher Leistung ergänzt wird. Dabei stellen sich die Fragen: Wie will ich im Alter leben? Was möchte und kann ich im Alter selbst noch tun?

Individuelle Leistungen anbieten

Als gutes Leben im Alter sieht Dr. Hinte, wenn Menschen ihrem Willen und Eigensinn folgen können. Das wiederum führe im Resultat zu Zufriedenheit und Gesundheit. Von Pflege betroffene Menschen sollten selbst mitbestimmen können, welche Betreuung sie bekommen – je genauer, individuell abgestimmter und flexibler die Leistungen sind, desto besser. Leider sind in den Pflegefinanzierungssystemen passgenaue Angebote meist nicht möglich. 

Brückenbauer*innen statt Pflegekund*innen
In seinem Vortrag geht Dr. Hinte weiters darauf ein, dass wir von den „Pflegekund*innen“ wegkommen sollten, und dass der Fokus auf die Pflege zu stark sei. Als Lösung nennt er sogenannte „Brückenbauer*innen“ im Sinne eines ergänzenden Berufsprofils. Brückenbauerin*innen sollen dafür sorgen, dass das System dem Menschen folgt und nicht umgekehrt. Pflegeorganisationen müssten „Pflegelotsinnen“ besetzen mit finanziellem Controlling und Feedback wo erfragt würde, ob die Klient*innen angeben würden, ob sie nach ihren Vorgaben leben könnten.

Gepflegtes Wohnen am Beispiel Liechtensteins

Hier ist der Pflegeschlüssel circa 240:190 (regional, einschließlich geschulte Freiwillige). Die Pflege ist staatlich organisiert und verwaltet, finanziert aus der Krankenversicherung und einem Teil der Eigenpension; der Rest ist staatliche Hilfe. Unabhängig von der Pflegestufe hat jede und jeder einkommensunabhängig Anspruch. Es gibt drei Jahre Pflegelehre für die Ausbildung zur Pflegeassistenz, Freiwillige sind ausgebildet, pro Wohnhaus gibt es circa 16 Bewohner*innen. Es gibt keine 24-Stunden-Betreuung wie bei uns. Essentiell ist die rechtzeitige Vorbereitung auf Gepflegtes Wohnen. Das Personal, gut ausgebildet, ist bei diesen Bedingungen hoch motiviert und der Wechsel dementsprechend niedrig. Auch das ist einer der Schlüsselfaktoren. Es gibt viel Empfehlenswertes für Österreich. 

Möge die Reform gelingen!
Der Vortrag von Professor Hinte kann hier nachgehört werden!​