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am 27. November 2020

Wer hat keine Angst vor der Pflege?

- Die Gesellschaft schweigt, die Politik rechnet, die Frauen pflegen.

Wie ein Damoklesschwert hängt das Thema Pflege über dem weiblichen Teil der Gesellschaft. Waren es bislang Kinder, die Frauen in ihrer beruflichen Entwicklung einbremsten, so kommt das Thema Pflege nun hinzu. Die Politik rechnet mit dem Töchterpotential. So wie in Corona-Zeiten auch offensichtlich wurde, dass die Gesellschaft mit dem Betreuungspotential der Mütter rechnet.

Die jungen Menschen scheinen diese unterschiedlichen Erwartungen der Gesellschaft auch zu kennen: „Die wissen, dass wir die Arschkarte gezogen haben!“, so eine junge Kollegin. Mit „die“ waren ihre Studienkollegen gemeint, die in einer Bierrunde offen darüber sprachen, dass sie mal mehr verdienen würden und wie schwierig es für junge Frauen sein würde, die Kinderphase beruflich unterzubringen. Und wie leid ihnen dies tue, aber es sei ebenso. „Die wissen, dass sie das Thema ignorieren können. Aber nicht mit uns, wir kriegen einfach keine Kinder!“, so der wütende Rückschluss meiner jungen Kollegin. Die zunehmende Kinderlosigkeit der Gesellschaften zeigt, dass diese Drohung der jungen Frauen auch umgesetzt wird. 

Aber wie ist das mit der Pflege? Keine Eltern zu kriegen geht nicht! Und ist es nicht geradezu unsolidarisch darüber zu sprechen? Was haben die Eltern, Großeltern nicht alles für die jüngere Generation getan? Sie haben vielleicht beim Wohnungskauf geholfen, bei der Betreuung der Enkel*innen. Alles ganz uneigennützig. Und dennoch wissen wir: Emotionale Schulden wiegen in Familiensystemen schwer. Plötzlich oder schleichend trifft das Thema die Frauen. Wer die finanziellen Möglichkeiten hat, der lässt pflegen/ betreuen. Auch hier wird das Thema 24-Stunden-Betreuung über die Frauen abgehandelt. Die eine Frau kann sich „loskaufen“, die andere aus Osteuropa finanziert ihre Existenz damit. Das Thema geht von den reicheren zu den ärmeren Frauen. Wann wird es bei den Männern ankommen?

Vielleicht müssen wir anfangen, solche Fragen öffentlich zu stellen? „Wir“, die mittelalten Frauen, die nicht pflegen wollen oder können. Auch weil wir keine Ausbildung im Pflegebereich haben. Aber auch, weil uns allein der Gedanke an manche Dinge überfordert. Ein eingekotetes Kleinkind zu säubern hat uns als Mütter Überwindung gekostet. Wieso sollte dies bei unseren Eltern leichter gehen? Und was ist mit dem Anspruch der Menschen, die gepflegt werden, auf professionelle gewaltfreie Pflege? Die Gesellschaft schweigt, die Politik rechnet, die Frauen pflegen.

LAbg. Sandra Schoch