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am 1. Juni

Wenn das Signalwort „Alter“ zu Panikattacken führt

Birgit Meinhard-Schiebel - Allein das Wort Alter scheint immer noch zu den meistgehaßten, meist vermiedenen Worten in unserem Sprachschatz zu gehören.

Wer zum 50. Geburtstag in eine Krise stürzt und ihn verschämt oder lauthals im eigenen Kreis oder auf Facebook publik macht, zaghaft lächelt oder sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt, ab sofort und jetzt zu einem älterwerdenden Menschen zu werden, hat unter besten Voraussetzungen noch gute 30 Jahre vor sich. Ohne jemals alt zu werden oder zu sein?

Die Diskriminierung, alt zu sein, als alt zu gelten, sitzt tief in unseren Köpfen. „For ever young“ hat Bob Dylan 1974 zum Hit verholfen, mittlerweile ist er selbst 76 Jahre alt. Und seine Frage, die am Schluß seines Liedes steht, hat wohl kaum jemand genauer gelesen: Do you really want to live forever, forever and ever…

Ohne große mediale Öffentlichkeit ist und bleibt Altersdiskriminierung das, was sie ist: die Angst davor, älter zu werden und sich nicht dagegen wehren zu können. Lieber den Mund halten und so tun, als ginge es uns alle nichts an.

Dass eine internationale Konferenz im April 2017 in Graz zum Thema Altersforschung nicht in die Schlagzeilen gekommen ist, macht deutlich, wie verschämt Alter immer noch agiert. Selbst die Grande Dame der Ageismus-Forschung, Margaret Morganroth Gullette, konnte damit nicht in den Top Charts der Medien landen. Sie benennt Altersscham als ausschlaggebendes Motiv, dass eine Population, die in nächsten Jahrzehnte zu einer immer größer werdenden Mehrheit in der Bevölkerung wird, sich weiter diskriminieren läßt, nur um nicht als alt zu gelten. Da helfen auch die rührseligen Filme zum Thema Alter nichts, die mittlerweile aus dem Boden sprießen wie das Unkraut. Endlich sind auch alte SchauspielerInnen nicht mehr im Ausgedinge sondern bekommen wieder Rollen. Von herzzerreissend über sich selbst verulkend ist alles drin.

So lange es auf der gesetzlichen Ebene kein Problem ist, Alter ungestraft zu diskriminieren, wird das beliebte Spiel mit dem „Sich selbst altersbashen und andere bashen“ fröhlich weitergehen. Dass im Erwerbsleben Altersdiskriminierung zumindest rechtlich verfolgt werden kann, wenn es denn überhaupt bis zu einer Anzeige kommt, ist schon lange möglich – und wird kaum genützt. Dass Altersdiskriminierung übrigens auch die Jugend umfaßt, die in vielen Bereichen diskriminiert wird und durch die Kinderrechte nur unzureichend geschützt ist, wird ebenso diskret verschwiegen.

Seit 2004 ist das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz in Österreich in Kraft. Langsam häufen sich dort Klagen, wenn soziale und ökonomische Benachteiligungen aufgrund des Alters bekannt werden. So weit, so gut. Nicht weit genug und nicht gut genug werden solche Altersdiskriminierungen aufgezeigt, verfolgt und bestraft. Weil Alter peinlich ist? Weil Alter nicht sexy ist? Weil wir lieber sagen, „duck und weg…“? Nix da, Altersbarrieren abbauen fängt im Kopf an. In unseren Köpfen.