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am 3. Dezember 2019

Musik im Alter ist Lebensfreude und Erinnerung

Webredaktion Generation plus - Interview mit Michaela Vaught. Sie unterrichtet seit sieben Jahren die Lehrveranstaltung (LVA) „Elementares Musizieren mit alten Menschen“ im Caritas-Seniorenwohnhaus St. Anna in Linz. Die Kooperation zwischen dem Caritas-Seniorenwohnhaus und dem Institut für Musikpädagogik der Anton Bruckner Privatuniversität wurde vor 14 Jahren von Gertrude Schimpl initiiert.

50aufwärts: Wieso haben Sie sich dazu entschlossen die Lehrveranstaltung „Elementares Musizieren mit alten Menschen“ im Caritas-Seniorenwohnhaus St. Anna ​zu übernehmen?

M. Vaught: Bevor ich zugesagt habe die Lehrveranstaltung zu übernehmen, nahm ich einige Male im Seniorenwohnheim am Musizieren teil. Mich hat das gemeinsame musikalische Tun mit den Menschen dort von Anfang an fasziniert. Ich habe als Kind oft mit meiner Großmutter musiziert und gesungen. Ich denke, meine Oma hat mir die Freude am Musizieren und die Wichtigkeit der Musik mitgegeben. Die ersten Musizier-Einheiten haben mich stark an diese Momente erinnert. Das gemeinsame Musizieren und das kreative musikalische Gestalten ist ein Angebot für Menschen im Seniorenwohnhaus, das ihnen gut tut - ihnen auch kulturelle Teilhabe ermöglicht. Es war mir ein Anliegen dieses Angebot in einem Seniorenwohnhaus weiter zu etablieren und für die Studierenden der Anton Bruckner Privatuniversität erlebbar zu machen. Und ich fühle mich in den Musizier-Stunden auch persönlich oft sehr beschenkt.

50aufwärts: Wie genau sieht Ihre Arbeit mit den Bewohnern und Bewohnerinnen im ​Caritas-Seniorenwohnhaus​ St. Anna aus? 

M. Vaught: In einer Musizier-Einheit werden immer verschiedene Handlungsfeldern miteinander verbunden. So wie beim Elementaren Musizieren mit anderen Zielgruppen, wird auch in St. Anna gesungen, getanzt, Musik aktiv gehört, es wird auf Instrumenten gespielt, über Musik und Assoziationen dazu gesprochen, musikalisch experimentiert und improvisiert, mit Sprache, Gedichten und Sprüchen kleine Gestaltungen kreiert, zur Musik auf Instrumenten gespielt,… wobei das Singen von bekannten Liedern ein fixer Bestandteil jeder Einheit ist. In der Gruppe ist ein unheimlich großer Schatz an Liedern vorhanden. Die Bewohner*innen können sehr viele Lieder auswendig, da bei den meisten das gemeinsame Singen in ihrer musikalischen Sozialisation und als familiäre Freizeitgestaltung einen großen Stellenwert hatte. So umfasst meine Liedermappe, die ich in den letzten sieben Jahren erstellt habe, an die hundertvierzig Lieder. Einige davon habe ich von den Teilnehmer*innen gelernt. Manche Teilnehmer*innen können auch sehr viele mir unbekannte Strophen eines Liedes. Ich freue mich immer, wenn solche "Schätze" gehoben werden und schreibe eifrig mit. Dieses Wissen geht über die Jahre verloren, wenn es jetzt nicht festgehalten wird.

Das gemeinsame Singen ist auch für Teilnehmer*innen möglich, die in ihrer Bewegungsfähigkeit stark eingeschränkt sind. Instrumente wie Trommeln, Klanghölzer, Schellen, Klangstäbe, Glocken usw. können jedoch von den meisten Teilnehmer*innen gespielt werden. Beim Bewegen und Tanzen macht jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer soweit mit, wie es ihr/ihm angenehm ist. Es ist erstaunlich, welche Bewegungen noch möglich sind und auch welche Alternativen bei Einschränkungen gefunden werden. Beim gemeinsamen Bewegen zur Musik und Tanzen von Sitztänzen können sehr schöne Momente entstehen. Zum Beispiel werden Erinnerungen an das Tanzen mit dem Partner, der Partnerin wach und dann kann es auch schon einmal passieren, dass ich zum Walzer aufgefordert werde. Oder durch den Einsatz von Schwungseilen oder Schwungtüchern - da werden Teilnehmer*innen sanft mitbewegt, die in ihrer Bewegungskapazität schon stark eingeschränkt sind.

50aufwärts: Was löst die Musik, das Singen oder rhythmische Bewegung bei ihren „SchülerInnen“ aus? Was beobachten sie dabei?

M. Vaught: Musik und Bewegung sind ursprüngliche Ausdrucksmittel des Menschen. Sich künstlerisch zu betätigen ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Das gemeinsame Tun schenkt den Bewohner*innen bestenfalls sinnerfüllte Zeit - auch mir als Leiterin, deshalb ist die Leiterinnen/Schülerinnen-Rolle relativ. Beim Musizieren geht es darum, etwas gemeinsam zu erschaffen, auf den anderen zu hören, sich in die Musizier-Gruppe einzubringen, vom anderen zu lernen, auf die Ideen der Musizierpartner*innen mit eigenen Ideen zu reagieren. Ich beobachte, dass die Teilnehmer*innen in den Einheiten nach und nach wacher werden, mit anderen kommunizieren, Freude über ihre eigenen Stärken und Kompetenzen empfinden und das auch ausdrücken. Musik kann stark mit Emotionen verbunden sein – Erinnerungen an Vergangenes kommen oft hoch und werden in der Gruppe auch besprochen, den einzelnen Biografien wird Beachtung geschenkt, was wiederum die Identität der Teilnehmer*innen stärkt.

Wir tauschen uns aber auch über außermusikalische Themen aus. Durch das Musizieren wird das Gefühl der Selbstwirksamkeit gestärkt, indem jeder musikalische Beitrag für das musikalische Gelingen einer Gestaltung in der Gruppe beiträgt. Klar gegliederte rhythmische Strukturen sind vor allem für Menschen mit Demenz eine Hilfe Ordnung und Struktur in einer Empfindung der Unsicherheit und des Chaos zu erleben. Das Singen bekannter Lieder kann auch krankheitsbedingte Rastlosigkeit einiger dementen Bewohner*innen lindern und sie bleiben, zum Erstaunen des Pflegepersonals, oft die gesamte Einheit über in der Musizier-Gruppe. Da werden Lieder perfekt gesungen – sowohl die Melodien als auch die Liedertexte. Auch Gedichte können gemeinsam rezitiert werden. Manche Teilnehmer*innen werden scheinbar apathisch vom Pflegepersonal gebracht. Es ist schon vorgekommen, dass sich diese Personen ganz plötzlich aufrichtet und zur Musik bewegen oder die Lieder für sich mitsingen. Menschen mit Sprachbeeinträchtigungen auf Grund von Schlaganfällen sind oft in der Lage Liedtexte einwandfrei auszusprechen und mitzusingen. Und in besonders gelungenen Musiziereinheiten stellt sich gegen Ende der Stunde eine Art Leichtigkeit ein und es kann über Unzulänglichkeiten oder Unannehmlichkeiten des Lebens und des Alterns gelacht werden. Man ist für Momente über diese Dinge erhaben.

50aufwärts: Wer von den Bewohner und Bewohnerinnen nimmt an der Lehrveranstaltung teil? 

M. Vaught: Grundsätzlich ist jede*r Willkommen am Musizieren teilzunehmen. Immer wieder nehmen Angehörige oder, falls es der Dienstplan zulässt, auch Pfleger*innen teil. Manche Teilnehmer*innen behaupten von sich unmusikalisch zu sein und kommen zunächst um zuzuhören. Meistens steigen sie nach kurzer Zeit ins Singen und Musizieren ein. Etwa acht Personen nehmen regelmäßig am Musizieren teil. Die Teilnahme weiterer Personen ist stark von der jeweiligen Arbeitsbelastung des Pflegepersonals abhängig, da Pfleger*innen die Bewohner*innen in den Mehrzweckraum bringen müssen. Viele der Bewohner*innen sind im Rollstuhl oder brauchen Hilfe beim Gehen. Manche Teilnehmer*innen kommen immer zu zweit, um sich gegenseitig bei der "Anreise" zu unterstützen. Im Laufe der Zeit hat sich innerhalb des Seniorenwohnheims eine Art Musik-Community entwickelt, die auch außerhalb der Musik-Einheiten Kontakt hat. Leider sind zwei von ihnen im letzten Monat verstorben. Das hinterlässt auch in der Musikeinheit eine Lücke.

Etwa einmal in zwei Monaten musizieren wir in einem zu den Wohnräumen hin offenen Raum. Dann können uns auch Bewohner*innen hören, die sonst vom Musizieren nichts mitbekommen und werden von uns „besungen“.

50aufwärts: Können Sie etwas zur Forschungsarbeit „Musizieren mit alten Menschen und Menschen mit Demenz“ berichten, an der sie derzeit bearbeiten? 

M. Vaught: Im letzten Studienjahr hat ein Team von drei Personen das Elementare Musizieren mit alten Menschen und Menschen mit Demenz forschend begleitet. Im Fokus des Forschungsinteresses stand die Überprüfung von Zielen, Inhalten und Methoden des Elementaren Musizierens und ob diese für diese Zielgruppe adaptiert werden müssen, um möglichst allen Teilnehmer*innen eine aktive Beteiligung zu ermöglichen. Ein für mich überraschendes Ergebnis der Forschung war unter anderem, dass die Teilnehmer*innen sich sehr gern und ausgiebig auf spontane Improvisationsaufgaben einlassen und auch neuen Wegen beim Musizieren gegenüber durchaus aufgeschlossen sind und auch einmal ihre Komfortzone verlassen.

50aufwärts: Gibt es noch weitere Seniorenwohnheime die Anwärter für die Lehrveranstaltung sind? Gibt es Nachfrage in dem Bereich? 

M. Vaught: An der Resonanz auf unser Forschungsprojekt ist klar ersichtlich, dass Interesse und Nachfrage in diesem Bereich bestehen. Hier müssen Konzepte für Seniorenheime entwickelt werden. Zusätzlich sollten Musikschulen Kooperationen mit Seniorenheimen andenken. Einige Beispiele von gelungenen Kooperationen gibt es bereits. Ein weiteres Ergebnis unserer Forschung ist, hier Empfehlungen abzugeben und herauszuarbeiten, welche Vorteile eine Kooperation für beide Seiten haben könnte.

50aufwärts: Sehr oft hört man, ein Musikinstrument erlernt man in jungen Jahren oder gar nicht mehr. Kann man im SeniorInnenalter eigentlich noch ein Musikinstrument ganz neu lernen? Und gibt es Instrumente, die eher geeignet sind als andere? 

M. Vaught: Ja, man kann im Seniorenalter noch beginnen ein Instrument zu erlernen. Es gibt Senioren, die ein Instrument ganz neu erlernen und z.B. auch welche, die in ihrer Kindheit schon ein Instrument gespielt haben und an diese Erfahrung anknüpfen. Und ja, es gibt Instrumente, die sich besonders eignen: Wir verwenden für unsere Musiziergruppe, deren Mitglieder sich im hohen Alter befinden und teilweise körperlich eingeschränkt sind, beim Musizieren Instrumente deren Handhabung einfach ist. Somit kann jeder Teilnehmer, jede Teilnehmerin sich im Moment musikalisch improvisatorisch ausdrücken, ohne vorher spieltechnische Hürden überwinden zu müssen. Ein Instrument, das für das Musizieren mit Senior*innen ebenfalls gerne eingesetzt wird, ist die Veeh-Harfe. Anstelle herkömmlicher Notenschrift gibt es für das Musizieren auf der Veeh-Harfe speziell aufbereitetes Notenmaterial, das das Erlernen des Instruments erleichtert.

50aufwärts: Wie unterscheidet sich der Musikunterricht von Jungen zu Älteren Menschen? 

M. Vaught: Mit jungen Menschen ist der Kompetenzerwerb ein klares Ziel der Musik-Einheiten. Beim Musizieren im Seniorenwohnheim geht es darum, Kompetenzen zu bewahren, ihnen Beachtung zu schenken und sich daran zu erfreuen. Das Erleben im Moment ist in den Musiziereinheiten mit alten Menschen besonders wichtig, weil der Blick nicht auf Zukünftiges gerichtet ist. Das Genießen des Moments, die ästhetische Erfahrung, das Feiern der eigenen Lebendigkeit ist dabei viel vordergründiger.   

Ein Aspekt der sich ebenfalls stark von Elementarem Musizieren mit jungen Menschen unterscheidet ist der Faktor Zeit. Menschen in St. Anna haben einen sehr natürlichen Umgang mit "Stille" und genießen auch Momente des Innehaltens und des Nachsinnens. Darauf sollte man als Leiterin unbedingt eingehen und das Tempo der alten Menschen übernehmen. Durch meine Erfahrung in St. Anna hat sich auch mein Leiterinnen-Verhalten im Elementaren Musizieren mit Kindern verändert. Auch Kinder schätzen im Unterricht kleine „Ruhe-Inseln“ und können stille Momente genießen. Weniger Aktionen zu initiieren aber das Angebot in die Tiefe zu führen und spontan Beiträge von Teilnehmer*innen dazu aufzugreifen war eine sehr wichtige Fokusverschiebung, die im Laufe des Forschungsprojekts immer wichtiger wurde.

50aufwärts: In Deutschland und der Schweiz gibt es eigene Einrichtungen bzw. Lehrgänge für Musikgeragogik. Gibt es derartiges auch in Österreich? 

M. Vaught: Alte Menschen haben ebenso wie junge und Erwachsene das Recht auf ästhetische Bildung und soziale und kulturelle Teilhabe. Wir wollten mit unserem Forschungsprojekt auch ein Bewusstsein dafür schärfen, dass nicht allein durch den demografischen Wandel diese Thematik an Bedeutung gewinnen wird. Ich hoffe und wünsche mir, dass es bald spezielle Lehrgänge für Musikgeragogik in Österreich geben wird, um mehr alten Menschen die Möglichkeit zu bieten, an einem Musizier-Angebot teilnehmen zu können.

Interview: Sabine Traxler 


Michaela Vaught beim Unterrichten im Caritas-Seniorenwohnheim St. Anna.