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am 25. März 2015

Kritische Gedanken zum „Jahr der Freiwilligentätigkeit“ 2011

Gerti Zupanich - Schön langsam gewöhnen wir uns daran, regelmäßig stellt die Europäische Kommission ein Jahr unter ein besonders Motto. Macht es Sinn, dass ein vorbestimmtes Thema in die breite Öffentlichkeit gerückt wird?

Beim „Jahr der Freiwilligentätigkeit“ ist es angebracht sich kritische Gedanken zu machen. Gerne wird diese freiwillige Arbeit als „Ehrenamt“ für die Gesellschaft bezeichnet. Es existiert für Österreich eine eigene Ehrenamtsbörse im Web mit ca. 25 Adressen wo man sich engagieren kann. Ehrenamt impliziert eben: ich tue Gutes für die Allgemeinheit.

Martin Oberbauer, Leiter der Ehrenamtsbörse meint in „Kreuz und Quer“ (30.8.2011 ORF2):

„Eine Gesellschaft ohne Freiwilligenarbeit wäre eine karge und menschenfeindliche Gesellschaft“ …“ In den vergangenen 20 Jahren gab es einen Wandel in der Freiwilligenarbeit. Der dienende, aufopfernde Helfer (sic), meist mit religiösem Hintergrund, veränderte sich zum Freiwilligen, der für seinen Einsatz etwas haben will: Anerkennung, Kontakte, Kompetenzen für die berufliche Laufbahn und Mitgestaltung bei gesellschaftlichen Prozessen.“

Die geänderten Gründe der sich „ehrenamtlich“ Betätigenden resultieren aus den Veränderungen in der Gesellschaft, aus den Defiziten des Sozialstaates, in einer Welt die zunehmend profitorientiert ist.

Das Ausmaß der Freiwilligentätigkeit in Österreich überrascht, wenn es statistisch erfasst wird:

Die Statistik Austria unterscheidet in FORMELLE (Organisationen/Vereine) und INFORMELLE (Nachbarschaftshilfe, Pflege Angehöriger) Tätigkeiten. Definiert wird Freiwilligenarbeit mit: „… ist eine Leistung die freiwillig und ohne Bezahlung außerhalb des eigenen Haushalts erbracht wird“.

44% der über 15-jährigen ÖsterreicherInnen leisten in irgendeiner Form Freiwilligenarbeit im Ausmaß von bis zu 10 Wochenstunden. Die am meisten Prestige versprechende, weil öffentlich sichtbare, wird die bei Rettungsdiensten und Katastrophenhilfe sein, etwas geringer der Sozial- und Gesundheitsbereich. Den höchsten %Anteil verzeichnet die Statistik allerdings im Bereich Kunst, Kultur, Unterhaltung und Freizeit, gefolgt vom kirchlich-religiösen. (siehe Mikrozensus 4.Quartal 2006 Statistik Austria)

Geht man von dieser durchschnittlichen 10-stündigen Wochenleistung an unbezahlter Arbeitsleistung aus entspricht diese der von 425.000 Vollzeiterwerbstätigen (Quelle: Freiwilligenbericht 2011, NPO-Institut, More-Hollerweger,Eva).

In diesem Freiwilligenbericht wird die Einteilung systematisiert in:

Wirtschaftlich, als Wertschöpfungsbeitrag.

Sozial im engerem Sinn: Freiwilligenarbeit unterstützt den Aufbau von sozialem Kapital, die Inklusion und Integration verschiedener sozialer Bevölkerungsgruppen.

Politisch, im Sinne von Teilhabe an kollektiven Entscheidungen.

Instrumentell im Sinne der Realisierung von Zielen … Kunst, Kultur, Sport, Religion und Kirchen, Soziales und Gesundheit … (Quelle: More-Hollerweger, 2011)

Die Europäische Kommission stellt ihrer Entschließung vom 4. Juni 2008, 2011 als das Jahr der Freiwilligentätigkeit zu erklären, voran:

„Für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung Europas bietet die Freiwilligentätigkeit viele aber noch bei weiten Teilen ungenutzte Möglichkeiten.“

Spätestens bei diesem Satz beginnen sich kritische Gedanken zu regen.

„Kritisches, freiwilliges Engagement braucht gesellschaftliche Reflektion: Was macht der Staat dabei? Und müssen wir gegebenenfalls die Bedingungen, die Infrastruktur, die öffentliche Anerkennung für freiwilliges Engagement verändern?“ (Ulrich Brand in „Kreuz und Quer am 30.8.2011 ORF2).

Wenn die sich die Europäische Kommission erwartet: „ …,dass sich mehr Menschen ehrenamtlich engagieren und das Bewusstsein für den Mehrwert dieses Engagements gesteigert wird“ , bedingt das nicht, dass Ehrenamtliche die Arbeitsplätze Vollzeiterwerbstätiger besetzen und ersetzen? Wer hat davon den größten Nutzen? Einerseits die Wirtschaft durch Einsparung von Kosten, auf jeden Fall der Staat, der somit viele soziale Aufgaben und Kosten auf die Gesellschaft auslagert.

Gerne wurde 2011 bei nationalen Veranstaltungen, zwar auf den Wert dieser freiwilligen Leistung der Zivilgesellschaft hingewiesen. Gleichzeitig wurde die ältere Generation dazu angeregt, bzw. aufgefordert, sich in der nachberuflichen Lebensphase – und der nun vorhandenen Freizeit – doch mehr zu engagieren. Es sei doch ehrenvoll und wichtig etwas für die Allgemeinheit zu tun.

Die Generation 60plus als ReservistInnen für kostenfreie Arbeitsplätze?

Wenn schon mit der Moral argumentiert wird, dann hätten sie und alle Freiwilligen gerne entsprechende Rahmenbedingungen seitens des Staates, sonst entspräche es einer organisierten Ausbeutung. Auch die Qualifikation, um eine freiwillige Tätigkeit auch möglichst professionell ausüben zu können, bedarf einer Regelung und Neuorientierung.

Freiwilligentätigkeit ist das soziale Kapital der Gesellschaft, dass wir in einer zunehmend profitorientierten Welt aufwerten sollten.

Autorin: Gerti Zupanich, Absolventin am IPW

Quellen: www.freiwilligenweb.at mit Link zum
Bericht des freiwilligen Engagements in Österreich, erstellt vom NPO (Institut für interdisziplinäre Nonprofit Forschung an der WU Wien), Projektleitung Eva More-Hollerweger und Arno Heimgartner.
Europäisches Jahr der Freiwilligentätigkeit 2011 auf www.bmask.gv.at

Aus:  co Politix Heft Nr. 31, 2012, https://politikwissenschaft.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/inst_politikwiss/Politix/politix_31.pdf