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am 15. Juni

Internationaler Tag gegen Gewalt an älteren Menschen in Zeiten von Covid-19

Webredaktion Generation plus - Die Projektpartner*innen von MARVOW erinnern an das gravierende Ausmaß der Gewalt an älteren Menschen, vor allem jetzt während der Corona-Krise

Die Projektpartner*innen von MARVOW1 erinnern an das gravierende Ausmaß der Gewalt an älteren Menschen, vor allem jetzt während der Corona-Krise

Gewalt an älteren Menschen ist eine schwere Menschenrechtsverletzung und hat gravierende Auswirkungen für alle Betroffenen. Auch ist diese Art der Gewalt ein geschlechtsspezifisches und schwerwiegendes soziales Problem2. Dennoch findet sie leider weltweit, in jedem europäischen Land statt – täglich, nicht nur einmal, sondern unendlich oft. In Alten- und Pflegeheimen, in Krankenhäusern, bei Behörden und vor allem auch zu Hause in der eigenen Familie.

„Heuer denken wir ganz besonders an unsere älteren Mitbürger*innen, weil sie – egal wie gesund oder wie krank sie sind oder waren – automatisch zu den Risikogruppen von Corona gezählt wurden und daher am härtesten und am schwersten von den Covid-19-Ausgangsbeschränkungen und Quarantänemaßnahmen betroffen und getroffen worden sind“,  so Maria Rösslhumer, Gesamtkoordinatorin des EU-Projekts MARVOW.

Die Corona-Krise war und ist eine neue, noch nie dagewesene Situation und hat unser gesamtes Leben über Wochen hinweg schwer eingeschränkt und grundlegend verändert. Die Ausgangsbeschränkungen stellten uns vor viele Herausforderungen. Familien sind durch Corona zahlreichen Belastungen, wie drohender Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit, Home Office, Homeschooling und vielen Zukunftsängsten ausgesetzt.

Mediziner*innen und Pflegekräfte im Gesundheitswesen waren und sind vollkommen überfordert mit dieser neuen Situation und den meist sehr schlecht ausgestatteten personellen und materiellen Ressourcen sowie unzureichenden strukturellen und finanziellen Rahmenbedingungen in den Einrichtungen.

Zunahme der Gewalt an älteren Frauen und Männern

Auch wenn es noch zu wenig gesicherte Zahlen und Daten gibt, so ist anzunehmen, dass das bereits bestehende hohe Ausmaß an häuslicher Gewalt noch mehr steigen wird. Ältere Menschen, insbesondere Frauen, sind laut Studien und erfahrungsgemäß besonders häufig von vielen Formen der geschlechtsspezifischen Gewalt betroffen. Corona hat die Situation nochmals enorm verschärft. Die sozialen Kontakte wurden so stark eingeschränkt, sodass Kinder und engste Familienmitglieder ältere Angehörige gar nicht mehr sehen oder besuchen durften und dürfen. Persönliche Nähe und jeglicher Körperkontakt wurde wegen Ansteckungsgefahr und Verbreitung von Corona-Viren teilweise oder vollkommen untersagt, ja sogar verboten vor allem in Ländern und Regionen, wo Ausgangssperren verordnet wurden. Besonders schlimm und schmerzhaft hat es jene älteren oder pflegebedürftigen Menschen getroffen, die allein, ohne Angehörige sterben mussten und müssen. Auch für die Hinterbliebenen hat das unpersönliche Verabschieden von den „Liebsten“ zu bleibenden traumatischen Belastungen geführt.

Durch die vollkommene Abschottung und Isolation von der Außenwelt ist anzunehmen, dass viele, insbesondere Frauen, sehr stark von Partnergewalt und häuslicher Gewalt betroffen sind. Der Mangel an mobilen Pflegekräften, die normalerweise einen Zugang zu Familien haben, hat womöglich die Gewaltsituation in Familien und Beziehungen noch mehr verschärft. Ältere Menschen, insbesondere Frauen, hatten und haben durch diese Isolation und Ausgangseinschränkungen kaum Möglichkeiten sich zu beschweren oder sich Hilfe zu suchen.

Ältere Menschen sind oft von verschiedenen Formen der Vernachlässigung – körperliche, seelische, medizinische und soziale – konfrontiert, eine Form der Gewalt, die oft zu wenig sichtbar und somit auch kaum berücksichtigt wird. Gerade in Corona-Zeiten kann diese Form der Gewalt – die in vielen Ländern sogar ein Strafdelikt ist – noch stärker zunehmen.

Situation in Österreich

Frauen waren und sind gerade jetzt gezwungen bei den gewalttätigen Partnern in Isolation zu bleiben – dies gilt auch für ältere Frauen. Das Alter bedeutet kein Ende der Partnergewalt – laut Medien und AÖF-Aufzeichnungen wurden seit 2019 und bis heute 6 Frauen über 60 bzw. über 70 Jahren meist von ihrem eigenen (Ex-)Partner ermordet3.

„Deshalb ist es entscheidend, ältere Gewalttäter bei allen (polizeilichen) Interventionen gegen Partnergewalt zu berücksichtigen und gewalttätiges Verhalten darf in keinster Weise toleriert werden“, so Maria Rösslhumer.

Gewalt und vor allem Menschenrechtsverletzungen an älteren Menschen fanden und finden laut Bericht der Volksanwaltschaft4 auch in Alteneinrichtungen statt. So wurden ältere Heimbewohner*innen, die allein spazieren, einkaufen, zur Bank oder Post gehen wollten, mit einem Aufnahmeverbot nach dem Motto „Wenn Sie das Haus verlassen, lassen wir sie nicht herein“ bestraft oder bedroht. Älteren Menschen, die sich nicht daran halten, wurde und wird Quarantäne angeordnet und mit Kündigungen von Heimverträgen gedroht.

"Es ist verständlich, dass in Pflegeheimen eine besondere Sorgfalt walten muss, aber die Menschen nicht hinauszulassen und Drohungen auszusprechen – dafür gibt es keine rechtliche Grundlage. Für Menschen in Alten- und Pflegeeinrichtungen gelten prinzipiell dieselben Regeln wie für alle anderen“, so Volksanwalt Bernhard Achitz.

Obwohl in Österreich Besuche von Angehörigen in den Spitälern mittlerweile wieder möglich sind, werden diese oftmals sogar verboten.

Was ist MARVOW?

Das zweijährige EU-Projekt „MARVOW“5 beschäftigt sich mit dem Problem der geschlechterbasierten Gewalt an Frauen und entwickelt dabei das erste multi-institutionelle-Modell für ältere Gewaltopfer und Gewalttäter gegen ältere Frauen. Das Projektteam besteht aus sechs Partnerinstitutionen in vier europäischen Ländern: Österreich, Estland, Griechenland und Deutschland. Die Idee dabei ist, Fallkonferenzen für ältere Opfer durchzuführen und eine Reihe innovativer Methoden zur Unterstützung des Modells zu entwickeln, die einem bedarfsgerechten Ansatz folgen und die Stakeholder einbeziehen. Ziel ist es, ein Kooperationsnetzwerk aus verschiedenen Zielgruppen zu schaffen, die sich speziell mit Fällen von Gewalt gegen ältere Frauen befassen, z.B. Altenpflegedienste, Sozialarbeiter*innen, Gesundheitsdienstleister, Polizei oder Opferschutzgruppen. Die Teilnehmer*innen erhalten Schulungen zum Thema, tauschen bewährte Verfahren aus und entwickeln gemeinsame Lösungen für häufig auftretende Probleme. In Österreich wird MARVOW in den Städten Salzburg, Wels, Linz und in St. Pölten und Umgebung umgesetzt. Im Jänner und Februar fanden die ersten Meetings und Seminare statt, durch die Covid-19-Pandemie musste das Projekt jedoch unterbrochen werden. Im Herbst werden die Trainings fortgesetzt und es wird am konkreten Aufbau von multi-institutionellen Plattformen und Netzwerken weitergearbeitet.

Unter den Hashtags #MARVOW #endGBV against #elderlywomen #AgeingEqual finden Sie die Facebook-Kampagne anlässlich des Internationalen Tags gegen Gewalt an älteren Menschen, sowie auf der MARVOW-Website www.marvow.eu.

Das Projekt verfolgt einen behördenübergreifenden Ansatz in Verbindung mit Trainings für entsprechende Fachkräfte, mit dem Ziel der Erhöhung der Berichterstattung über Fälle und der Effizienz der Dienstleistungen. Zusammenfassend wird MARVOW praktische Methoden und Lösungen zur Unterstützung und zum Schutz von Gewaltopfern bereitstellen und dabei insbesondere die geschlechtsspezifische Dimension der Gewalt an älteren Menschen berücksichtigen, um bekannte Lücken in diesem Bereich zu schließen.


Hilfe bei Gewalt an älteren Frauen und Männern in Österreich

  • Polizei: 133

  • Beratungstelefon Gewalt und Alter: 0699/11200099, österreichweit, kostenlos

  • Frauenhelpline gegen Gewalt: 0800/222 555 österreichweit, rund um die Uhr, kostenlos

  • Opfer-Notruf: 0800/112 112 österreichweit, rund um die Uhr, kostenlos

  • Männernotruf:  Mo-Fr., 10-18 Uhr

    (österreichweit zum Ortstarif)

  • Telefonseelsorge-Notruf: 142, aktuelle Krisenhilfe, rund um die Uhr

  • Pro Senectute Österreich: 01/4796161

Hinweis: 

​Diese Presseaussendung wurde vom AÖF – Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser übernommen! Kontakt:  Austrian Women’s Shelter Network (AÖF), Austria, Maria Rösslhumer, maria.roesslhumer@aoef.at, Tel. +43 664 793 07 89