Das Märchen von der nicht enden wollenden Energie
01.09.2011 02:01
Autor
Birgit Meinhard-Schiebel
Vorsitzende Gplus Grüne SeniorInnen Wien, stv.Obfrau Gplus Grüne SeniorInnen Österreich, SeniorInnensprecherin der Wiener Grünen, Bezirksrätin Grüne Alsergrund und Vice-Chairwoman ENGS
Das Märchen von der nicht enden wollenden Energie
erzählt von Birgit MEINHARD-SCHIEBEL
Wir sind die, die aus einer Zeit kommen, in der der Bombenschutt noch herumgelegen ist, die Stromleitungen zerstört waren.
Wir sind die die auf der Straße gespielt haben anstatt auf eingezäunten Spielplätzen, weil es höchstens 3 Autos pro Straße gab.
Wir sind die die durch dichte Wälder gelaufen sind, die in Seen gebadet haben und die kohlrabenschwarz waren, weil wir den Koksofen ausgeräumt haben.
Wir sind die, deren Eltern noch die 50-Stundenwoche hatten und max. 2 Wochen Urlaub.
Aufgewachsen sind wir wie Kraut und Rüben.
Geworden ist aus uns vieles. Und jedes Jahr ist es besser geworden.
Vollbeschäftigung, mehr Urlaub, mehr Geld, mehr Bildung und das Gefühl, uns gehört die Welt. Geheizte Wohnungen, gute Autos, Urlaubsflüge, Fernseher, Plattenspieler, Filmkameras. Kein Problem, der Strom kommt aus der Steckdose.
Der erste Ölschock im Jahr 1974 hat einige von uns vom Stockerl geholt. Könnte sein, dass das Paradies doch seine Grenzen hat? Die bösen Saudis, die das Öl nicht rausrücken wollten, waren rasch vergessen, wir haben genug andere Ressourcen.
Atomkraftwerke machen unabhängig. Das was rauskommt, ist angeblich saubere Energie. Schließlich wird das böse Atom zum guten Atom. Es sind keine Bomben, die den weißen Pilz in den Himmel steigen lassen, es sind Kernreaktoren, die ein bisserl Wasserdampf aus den Kühltürmen in den Himmel spucken.
Das bisserl Müll sollen die anderen entsorgen. Ein paar Brennstaberln können doch kein wirkliches Problem sein. Der Haufen überbesorgte Umweltschützer scheinen Selbstmordkandidaten zu sein. Sich wegen dem bisserl Atommüll auf Schienen und Straßen zu legen, kann ins Auge gehen.
Die seltsamen Gestalten, die gegen Atomkraftwerke demonstrieren, die behaupten, dass wir den Teufel mit dem Belzebuben austreiben, sind Spinner. Spinnen ist erlaubt in Zeiten der freien Liebe, der bunten Hausbesetzer und Klein-Anarchos, die glauben, die Welt vor dem Wohlstand retten zu müssen.
Dass Zwentendorf nicht aufgesperrt wird, ist ein erstes Zeichen dafür, dass Bürgerinnen und Bürger nachzudenken beginnen. In einem Land, das so viele Ressourcen hat wie Holz, Wasser und Wind ist es leichter zu verschmerzen, nicht zu den fortschrittlichen Ländern zu gehören, die Atomkraftwerke wie Schwammerln aus dem Boden schießen lassen. Außerdem, "mir waren schon immer mir".
Also leben wir weiter mit dem Strom aus der Steckdose und denken nicht weiter nach.
Ein paar Grüne verschönern die politische Landschaft Österreichs, langsam aber sicher. Die kleinen Robin Hoods, die glauben, die Welt retten zu müssen, die werden sich schon beruhigen, wenn sie sich erst ausgetobt haben.
Tschernobyl scheint ihnen recht zu geben und die Wälder, die einige Bäume weniger haben, schauen auch nicht mehr wie früher aus. Die Kühlschränke, die stattdessen in den Wäldern herumstehen, weil sie jemand dort vergessen hat, spucken munter ihre FCKW aus. Die Blätter fallen schneller, wahrscheinlich weil sie sich in der Jahreszeit verrechnet haben. Seltsam, dass sie nicht mehr nachwachsen im darauf folgenden Frühling.
Die armen Tschernobyler sind arm, aber weit weg. Das kommt davon, weil die Russen nicht aufgepasst haben. Das könnte bei uns nie passieren.
In den Flüssen und Seen schwimmen öfter tote Fische. Vielleicht waren sie lebensmüde? Schrottreife Autos verschwinden im Wasser oder liegen am Straßenrand. Auf dem Meer schwimmen öfter Ölteppiche und das Ozon ist auch nicht mehr das, was es einmal war.
Unsere Kinder husten öfter. Der Hustinettenbär hat Saison. Noch kommt der Strom aus der Steckdose.
Die Grünen sind größer geworden und schreien lauter. Nach Hainburg machen sie einen Klassenausflug und behindern gemeinsam mit anderen Radikalen die Bagger und Forstarbeiter an ihrer verantwortungsvollen Aufgabe. Ein bisserl abgeholzter Auwald ist ja noch kein Beinbruch. Vielleicht haben sie doch recht, die Grünen? Aber was gibt es denn für Alternativen? Wenns kein Atom sein soll und kein Öl, dann müssen wir eben den Gürtel ein bisschen enger schnallen und ein paar Hektar Wald hergeben. Das werden sie vielleicht doch verstehen? Die Polizisten werden ihnen das schon erklären.
Besser ist nichts geworden, ein Sonnenbrand ist kein Kinderspiel mehr und der Sonnenschutzfaktor in der Spraydose für den Urlaub erreicht sagenhafte 38 Punkte und steigt. Die Melanome haben Saison. Die Heizpreise steigen und steigen, nur die Aktienkurse schwanken hin und her. Aber wen interessiert das schon, wir heizen nicht mit Aktien. Die Sommer werden heißer und die Winter kälter. Die Grünen sind auch schon älter geworden, aber sie erklären immer noch, dass wir uns demnächst warm anziehen müssen. Was wissen sie, was wir nicht wissen? Oder sehen sie zu schwarz?
Es besteht kein Anlass zur Sorge. Alles ist bestens. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer verschämter und mehr. Energie ist teuer, wer sie sich nicht leisten kann, muss im Dunklen frieren. Aber man sieht nur die im Licht stehen, die im Dunklen sieht man nicht. Die Grünen haben scheints doch recht gehabt? Manchmal kommt kein Strom mehr aus der Steckdose und die Heizung bleibt kalt. Die Rechnung ist nicht bezahlt.
Nur die Handys glühen im Dunklen und die Klingeltöne klingeln um die Wette. Ein paar kleine Strahlungen erhellen uns den Alltag rund um die Uhr. Wer keines hat, ist arm. Zum ersten Mal ist Armsein eine Chance, nicht durch Strahlen krank zu werden.
Die PC's, DVD-Player, Plasmabildschirme, Drucker, High Tech-Musikanlagen, Kaffeemaschinen, Geschirrspüler, Waschmaschinen fressen Strom. Hauptsache, sie funktionieren rund um die Uhr. Bei Kerzenlicht einzuschlafen, weil alles bereits gepfändet ist, ist keine Frage der Romantik. Einige verlieren beim Wohnungsbrand endgültig ihr letztes Hab und Gut. Manche das Leben.
Weltmarktpreise sind ein Lotteriespiel, die Wälder schauen aus wie die Glatzköpfe der Skinheads, niemand weiß, wie lange es noch reine Gewässer gibt. Autos fahren noch mit Benzin, aber die Ölpreise steigen ins Unermessliche. Heizkostenzuschüsse sind ein blanker Hohn geworden, damit kann man im besten Fall einen Monat lang überleben. Armut in jeder Form, ob relativ, manifest oder massiv hat Methode. Die Grünen steigen schon wieder auf die Barrikaden, klein sind sie auch nicht mehr. Sollten sie regieren, würde es dann wirklich anders werden?
Erneuerbare Energie, Umweltprogramm, Energiewende sind so wichtig wie nie zuvor. Atomkraftwerke in Japan und auf der anderen Welt haben uns in den letzten Monaten das Fürchten gelehrt.. Morgen kann es zu spät sein, deshalb „Abschalten! Jetzt!“
Die Grünen SeniorInnen - auch so etwas gibt es zum Erstaunen aller inklusive der Grünen selbst – waren bereits 2006 auf Energietour und haben nicht vergessen, was sie dabei gesehen und erlebt haben. Von blankem Entsetzen im Atomkraftwerk Dukovany über das Modellprojekt energieautarke Gemeinde Güssing bis zum Windpark Bruck an der Leitha und dem Gefühl, es könnte sie geben - die Alternative - ist alles da. Beispiele sehen, Informationen bekommen, Wissen weitertragen ist das Anliegen der Grünen mit den grauen Haaren.
Weil sie gehört werden und gesehen werden. Als die, die eines immer schon gewusst haben: der Strom kommt aus der Steckdose - so lange, bis das Licht endgültig ausfällt. Es ist fast schon 5 vor Zwölf auf der funkgesteuerten Armbanduhr mit phosphoriszierender Anzeige.
Die Geschenke von Mutter Erde sind die letzte Schatzkiste, die wir haben.
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