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Fragwürdiges "Doppelleben"?

24.10.2008 13:32

 

Fragwürdiges "Doppelleben"?

Kommentar von Marco Schreuder im Standard vom 24. 10. 2008

 

Haiders Privatleben plötzlich doch politisch - Oder: Wie sich am Ende dieser Legislaturperiode weniger Menschen verstecken müssten.

Er war also im "Stadtkrämer" , einem Schwulenlokal in Klagenfurt. Jörg Haider hat seine 1,8 Promille dort angetrunken und ist trotzdem in seinen Phaeton gestiegen. Seit diese Meldung in den Medien kursiert, scheint die Welt der Journalisten plötzlich zweigeteilt. Die eine Hälfte, die Haider huldigt, Pietät verlangt und ihn heilig spricht, will nicht darüber berichten, denn das gehe ja niemandem was an. Die andere Hälfte will alles berichten, will wissen, wer der junge Mann denn nun war, mit dem Haider die letzte Stunde seines Lebens verbracht hat und findet es großartig einen Landeshauptmann in ein verruchtes Milieu zu stecken, einer dunklen Halbwelt zuzuordnen. Homophob sind allerdings beide Zugänge. In beiden Arten der Berichterstattung ist die sexuelle Orientierung nämlich vor allem eins: Nicht normal.

Verräterische Sprache
Wenn Haider schwul oder bi oder wasauchimmer war ... So what? Bei aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhundert würde man erwarten, dass diverse sexuelle Neigungen eine akzeptierte Tatsache unserer Gesellschaft sind. Dass Menschen einfach tun und lassen können, was sie wollen - auch wenn sie Landeshauptmänner oder -frauen sind. Wo niemand zu Schaden kommt, braucht sich niemand aufzuregen. Betrunken Autofahren ist lebensgefährlich. Sich in einem Schwulenlokal aufhalten gefährdet aber weder das eigene Leben - noch das eines anderen.

Nur leider ist die gesellschaftspolitische Realität in Österreich noch immer eine andere. So lange Coming-out-Prozesse bei Jugendlichen noch immer ein hohes Risiko darstellen, erhöhte Suizid-Gefahr besteht und Ängste vorherrschen, man könnte die Familie und die besten Freunde verlieren, wenn man sich outet, so lange gleichgeschlechtliche Paare vor dem Gesetz mit verschiedengeschlechtlichen Paaren nicht gleichgestellt sind, so lange es Diskriminierungen und Ausgrenzungen gibt, wird es Ausdrücke wie "Homosexuellenmilieu" geben. Und so lange prinzipiell davon ausgegangen wird, dass das Begehren des anderen Geschlechts die Norm ist, wird Homosexualität als abnormal wahrgenommen. Diese sich hartnäckig manifestierenden Haltungen in der österreichischen Gesellschaft haben wir paradoxerweise auch der Politik Haiders zu verdanken.

Die FPÖ und später das BZÖ haben sich nie für die Gleichstellung lesbischer und schwuler Partnerschaften ausgesprochen. Haider und seine Anhänger/innen haben nichts dafür getan, dass Jugendliche im Coming-out das Leben erleichtert wird. Haider selbst ist zwar nie durch homophobe "Sager" aufgefallen, aber in seiner Partei war das durchaus üblich. Noch der letzte zur BZÖ gewechselte Ex-Blaue Ewald Stadler hat sich immer wieder nachdrücklich gegen die Anerkennung "gleichgeschlechtlicher und anderer perverser Partnerschaften" ausgesprochen. Und so wird Haiders Privatleben plötzlich doch politisch.

Sich selbst outende Politiker/innen in den verschiedenen Bundes- und Länderparlamenten Österreichs sind leider nur bei den Grünen zu finden. Dabei ist die Sichtbarkeit eine wesentliche Hilfe für die Akzeptanz. Als lesbisch, schwul, bisexuell oder transgender geoutete Mandatare tragen nicht nur dazu bei, zu zeigen: Seht her, ich bin andersrum und es ist völlig wurscht. Steh du ruhig auch dazu! Sie können aus eigener Erfahrung auch politische Rahmenbedingungen schaffen, damit es an Schulen mehr Aufklärung gibt und diskriminierende Gesetze angepasst werden. Wie lesbische und schwule Politiker/innen ihr Sexualleben tatsächlich ausleben, geht dabei tatsächlich niemanden was an.

Wer sich aber versteckt (in der Sprache der Community nennt man solche Schwule "Klemmschwester" ), nicht will, dass das eigene Schwul-, Lesbisch-, Bi oder Transgender-Sein publik wird, macht sich erpressbar und spielt dem Vorurteil, dass das etwas Schmutziges, Perverses und Abstoßendes ist, in die Hände. Dabei wäre es längst an der Zeit, dass Österreich auch einmal einen offen gleichgeschlechtlich lebenden und liebenden Landeshauptmenschen hätte. Oder einen Parteichef...

Wenn das nun bekannt gewordene vermutliche Doppelleben Jörg Haiders eine politische Konsequenz haben soll, dann läge dies an den nunmehr regierungsverhandelnden Parteien SPÖ und ÖVP. Ein Maßnahmenpaket zur Gleichstellung von Lesben und Schwulen könnte zur erhöhten Akzeptanz beitragen. Und damit müssten sich am Ende dieser Legislaturperiode weniger Menschen verstecken.
Marco Schreuder/DER STANDARD-Printausgabe
24. Oktober 2008



 

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